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Auf der Suche als Hinterbliebener in Namibia

Von Volkan Sazli

 

Ich habe mich als 21-jähriger und in Köln lebender Jugendlicher für einen einjährigen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in einem Township Swakopmunds in Namibia entschlossen, nicht nur um mich in erster Linie zu engagieren, sondern um eine für mich sehr bedeutsame Mission zu erfüllen.

 

 

„Wer einen geliebten Menschen verliert, für den bricht die Welt zusammen. Wir definieren uns im großen Maße über unsere Bindungen zu Eltern, Partnern, Freunden und Bekannten. Doch wer trauert, wandelt sich.“ Ich habe lange um einen Menschen getrauert, den ich kennen, schätzen und lieben gelernt habe. Manch einer wird sich fragen, was diese Erfahrung mit meinem Freiwilligendienst in Namibia zu tun hat, und ich werde antworten: Alles!

 

Ich dachte mir, dass ich in so jungen Jahren nicht so schnell mit diesem Thema konfrontiert werde. Ich habe eine kleine und gesunde Familie, eine tolle Mutter und einen nervigen Bruder, die ich beide bis zum Mond und zurück liebe. Wie soll mich der Tod also treffen, wie soll er mich kriegen, wie will er mir auf den Geist gehen? Er nimmt mir Martina. Meine Klassenlehrerin aus Krefeld, aus der eine noch engere Freundschaft wurde, nachdem ich 2009 nach Köln gezogen bin.

 

Liebe zu Namibia

 

Martina war jeden Sommer in Namibia und hat auf einer Gästefarm residiert – sie versäumte nie, mir von ihrem Aufenthalt zu berichten, mich für Land, Leute und Tiere zu inspirieren und meine Liebe zu Namibia in mir zu erwecken. Im Jahr 2010 fragte sie mich, ob ich denn Lust habe sie auf der Reise zu begleiten. Ich habe mich sehr über diese Einladung gefreut, doch hielt sich meine Freude in Grenzen, weil ich diesen Ausflug niemals hätte finanzieren können, auch wenn sie mir finanziell entgegenkäme. So zog sie alleine in den Süden Afrikas los. Wir blieben via Mail in Kontakt und ich musste bei jeder Mail, die sie mir schrieb, schmunzeln. Sie hatte den Frieden gefunden, den sie sich immer gewünscht hat, die Ruhe, die Atmosphäre, die Menschen, die sie bis zum Schluss stets genoss. Irgendwann brach der Kontakt ab und sie antwortete auf keine Mail von mir. Ihre letzte Mail beinhaltete:

 

„Wir haben gerade durch ein Telefonat (…) erfahren, dass es ein schlimmes Unglück auf der Loveparade gegeben hat. Ich hoffe, du hast nicht daran teilgenommen. Bitte gib mir eine kurze Antwort, dass bei dir alles o.k. ist. Ich mache mir sonst nur Sorgen. Please let me know !!!!!!“

 

Ein schwerer Autounfall

 

Sie hat am Ende der Welt an mich gedacht, sich Sorgen um mich gemacht. Ich antwortete ihr, dass ich nicht an dieser Veranstaltung teilgenommen habe, um sie zu beruhigen. Ich wartete auf eine Rückmeldung, habe Tage und Wochen gewartet, auch ich habe mir Sorgen gemacht und platzte vor Ungeduld und Kummer, bis ich den erlösenden Anruf erhielt, der sich aber als keine Erlösung festgestellt hat. Es hieß, sie habe einen schweren Autounfall gehabt. Diese Info musste ich als pubertierendes Kind erst einmal schlucken.

 

Sie war ein ganzes Jahr querschnittsgelähmt, doch gab sie den Kampf gegen diese Lähmung bis zum letzten Atemzug nicht auf. Sie war tapfer und machte kleine Fortschritte, auf die sie aber stolz war, wenn auch oft verzweifelt. Sie fühlte sich in einem Körper gefangen, den sie nicht mehr unter Kontrolle hatte, der nicht mehr auf sie gehört hat und tat was es wollte. Sie starb ein Jahr später an einer sinnlosen Lungenentzündung.

 

Ein Platz in meinem Herzen

Ich war sauer auf sie, enttäuscht und voller Hass, konnte mir nicht erschließen, warum sie mich hat alleine lassen, warum sie den Kampf aufgegeben hat, warum sie fortgegangen ist. Ich konnte und wollte es nicht verstehen und meine Narbe wuchs täglich und ich gab ihr keine Chance zu verheilen. Irgendwann aber kam der Zeitpunkt, an dem ich diesen Verlust akzeptieren musste. Mir zerbrach das Herz in viele kleine Teile, ein großer Scherbenhaufen lag vor meinen Füßen, den ich nach und nach wegschaffen, sauber machen musste. Und mit der Zeit heilten auch meine Wunden nach und nach. Ich lernte damit zu leben. Sie hat einen großen Platz in meinem Herzen eingenommen, den sie niemals verlieren wird und der viele Erinnerungen enthält.

 

Nach dieser Erfahrung wurde mir das Zwischenmenschliche immer wichtiger, das Geben und Nehmen bekam an Gewicht und Bedeutung, Achtsamkeit und Empathie spielten eine noch größere Rolle in meinem Verhalten und der Mensch und seine Bedürfnisse rückten immer mehr in den Vordergrund. Damit verbunden wuchs auch der Wunsch mich in Form eines Freiwilligendienstes für benachteiligte Kinder in Namibia engagieren zu wollen, um dadurch Land und Leute intensiver kennenlernen zu dürfen und das weiterzugeben, was ich durch Martina in Massen erhalten habe – Liebe und Freundschaft. Sie hat mich in meiner Denkweise und meinem Verhalten sehr geprägt und ich habe vieles von ihr und durch sie lernen dürfen. „Doch wer trauert, wandelt sich“. Ich danke ihr für die kurze Zeit, die ich mit ihr hatte und dafür, dass ich durch sie diese wertvolle Erfahrung in Namibia machen durfte, die ich niemals vergessen werde.

 

Ein Kreuz auf dem Zipfelberg

 

„Aus den Augen, aus dem Sinn“, sagt man. Ich hatte oft die Angst, dass ich sie plötzlich vergessen könnte, dass ich nicht mehr so oft an sie denke, weil sie nicht mehr präsent ist, dass sie aus diesen Gründen enttäuscht sein könnte, aber das wäre wohl der Lauf der Dinge. Ich denke nicht mehr wie damals ununterbrochen an sie, aber in einzelnen Momenten motiviere ich mich dadurch, dass sie jetzt sicherlich unheimlich stolz auf mich wäre, auf das was ich tue, mache und bewirke. Um ihr zu signalisieren, dass sie niemals in Vergessenheit geraten wird, habe ich ihr die letzte Ehre erwiesen und ein Kreuz auf dem Zipfelberg, der der Gästefarm gehört, aufgestellt. Ich widme ihr also nicht nur die Sicht auf die Weite Namibias, sondern 5kg Beton, 10l Wasser und ein Kreuz als Symbol.

 

„Der Zipfelberg bekam seinen Namen aufgrund des unübersehbaren Zipfels. Die Spitze des Berges liegt auf 1472 Metern. Vom Fuß bis zum Zipfel misst der Berg 333 Höhenmeter.“ Auf dem Weg nach oben wurden wir besonders durch mehrere Herden Bergzebras belohnt, von der atemberaubenden Landschaft ganz zu schweigen. Wir haben für den Hin- und Rückweg bis zum Zipfel und zurück 4 Stunden gebraucht, die sich aber allein für die Aussicht auf das Weite sehr gelohnt haben. Ich danke den Gästefarmbesitzern für ihre Verbundenheit, die sie mir durch ihre Gastfreundschaft erwiesen haben und ihre Einverständnis, das Kreuz auf den Zipfelberg stellen zu dürfen.

 

Kein größeres Gut als Freundschaft

 

Ebenso danke ich meiner Mitfreiwilligen, Malina John, und Jens Detmold, meiner Vertrauensperson vor Ort, die mir dabei geholfen haben, diese Mission zu starten und zu beenden. Damit haben sie nicht nur Martina, sondern auch mir eine große Ehre erwiesen. Danke für eine unermüdliche Freundschaft, für Höhen und Tiefen, fürs Lachen und Weinen, fürs Lieben und Leben. „Von allen Geschenken, die uns das Schicksal gewährt, gibt es kein größeres Gut als die Freundschaft – keinen größeren Reichtum, keine größere Freude.“ (Epikur von Samos)

 

 

Mein Traum: Bildung für die Straßenkinder von Swakopmund

 

Ich nehme an diesem Wettbewerb teil, weil ich einen weiteren Traum habe, den ich mir erfüllen möchte: Ich bin Pate einer tollen Familie, die ich durch meinen Freiwilligendienst kennengelernt habe. Ich habe eine alleinerziehende Mutter, die im Township lebt, in dem ich gearbeitet habe, finanziell und materiell unterstützt und war seit der ersten Sekunde Teil ihres neugeborenen Babys Tangeni. Da sie sich die Schulgebühren für ihr Kind nicht leisten kann, bin ich dabei einen Verein zu gründen, der den Namen ihres Sohnes trägt – Tangeni Shilongo Namibia e. V., mit dem ich nicht nur die Familie, sondern das Schulprojekt unterstütze, in dem ich 365 Tage gearbeitet habe und die Straßenkindern die Möglichkeit gibt, Bildung kostenfrei genießen zu dürfen. Dafür benötigt es oft an finanzieller und materieller Unterstützung. Mit diesem Geld würde ich meine Patenfamilie über Weihnachten besuchen und mit ihr einen Großeinkauf machen und gleichzeitig Wichtiges für das Schulprojekt einkaufen, damit weiterhin ein einwandfreier Unterricht stattfindet.

 

Volkan Sazli und "seine" Familie

Volkan Sazli in Namibia