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Mein Tanzprojekt – zwei Kulturen, eine Heimat

Von Hülya Arslan

 

„Hallo, mein Name ist Hülya Arslan. Nein nicht Julia, sondern HÜLYA.“
„Das ist aber kein deutscher Name.“ 
„Ja richtig, mein Name ist türkischer Herkunft“
„Achso. Du siehst aber gar nicht aus, wie eine Türkin. Ist dein Vater denn auch so streng? Und warum trägst du kein Kopftuch?“

 

Diesen Fragen stelle ich mich, seitdem ich begriffen habe, dass ich eine Kulturenschatzkiste bin. Ich bin Halbtürkin und Halbdeutsche. Meine Mutter ist in Bremen geboren und aufgewachsen. Mein Vater stammt aus der Türkei vom schwarzen Meer, zu türkisch „karadeniz“. Ich bin das Ergebnis meiner Familie, welches aus dieser Formel entstanden ist:

 

Erlebnisse meiner Mutter + Erlebnisse meines Vaters – gesellschaftliche Erlebnisse in Deutschland + eine Liebe, die ich neu gefunden habe + pure Leidenschaft zum Tanz = Ich, also Hülya Leben

 

Jetzt fragt ihr Euch was hinter dieser mathematischen Aufgabe steckt? Ich werde es Euch verraten.

 

Vorweg: Nein, dass hier wird kein Text über die arme „Türkin“ die sich rassistisch behandelt fühlt und Deutschland böse ist. Denn ich stehe nicht zwischen den Kulturen, sondern über den Kulturen und ich habe die perfekte Aussicht!

 

In meinem ersten Tanztheaterstück habe ich mich getraut, meine bisherigen Prägungen und Erlebnisse auf die Bühne zu bringen, und zwar in einer Form, dass der Zuschauer rausgeht und sagt: Ok, ich fühle etwas! „Feel or die | Hisset yada öl“ ist ein interkulturelles Tanztheaterstück, mit dem ich 2013 auf Deutschlandtour war. Mich hat nicht nur die Zweikulturigkeit bzw. Bikulturalität beschäftigt, sondern auch, wie Menschen fühlen.

 

 

Warum ist es so schwer seine Gefühle auf einer Ebene nach außen zu transportieren, in der man sich zu 100 Prozent frei fühlt? Und wie fühlen eigentlich Menschen verschiedenster kultureller Prägungen? Weshalb füttern wir unser Ego im Alltag mit einer großen Flatrate an Meckerei und Unzufriedenheit? Warum haben wir verlernt zu fühlen?

 

Schon länger beobachte ich Menschen in meinem Umfeld, die zur chronischen Unzufriedenheit neigen und diese stark ausleben. Negativität in einer endlosen Form die in der Luft liegt… Und ich ertappe mich ständig, wie ich selbst in dieser Luft mitgerissen werde. Ich möchte aber atmen. Ich möchte Luft atmen, die mich mit Inspiration füllt. Ich möchte Luft atmen, die die Farben dieser Welt noch bunter aussehen lassen. Ich beobachte gern Menschen. Vor allem in Zügen oder Straßenbahnen. Dort lerne ich am meisten über uns und unseren Kulturen. Vielleicht tue ich das auch, um Antworten auf meine Fragen zu finden. Neue Perspektiven und Erkenntnisse füllen meinen Kopf jeden Tag.

 

An der Stelle frage ich erneut: Warum haben wir verlernt zu fühlen?

 

Struktur. Wir leben in einer regel-umzingelten Struktur. Um in dieser Struktur zu überleben ist es wichtig, den vorgegebenen Linien immer zu folgen. Wenn wir aber mal stolpern, ist es alleroberste Priorität, schnell und unauffällig aufzustehen und weiterzumachen. Wir kennen das alle… Wenn wir als Kind hingefallen sind, haben unsere Eltern uns beigebracht, schnell aufzustehen und „tapfer“ zu sein. Raum für Emotionalität wird von klein auf an in einen kleinen Karton gepresst. Dabei werden wir voller Gefühle und Sensibilität geboren. Ich rede nicht davon, vor Sensibilität zu sprühen und in jeder Situationen auf emotionaler Ebene zu handeln, ich rede hier viel mehr davon, sein bewusstes Inneres und sein Fühlen mehr im Alltag zu integrieren und Raum dafür zu geben. Gefühle wollen gefühlt werden! Wenn man sie fühlt, egal welche Art von Gefühlen, kommt es zu einer Befreiung. Es macht unsere Arterien frei.

 

Freiheit. Wenn wir uns im Inneren – und damit meine ich nicht unsere Denker-Ebene, sondern noch tiefere Ebenen – befreien, dann bauen wir unser Handeln auf die Gegenwart auf. Vergangenheit und Zukunft fließen dann nicht mehr so intensiv in Handlungen ein. Das schafft neutrale Handlungen die neue Perspektiven in uns wecken. Und wisst ihr was das Tolle daran ist? Wenn man erkennt, wie schön neue Perspektiven sind, dann erfährt man Glück und Dankbarkeit. Und wenn man an diesem Punkt ist, das man genau dieses Gefühl nicht mit anderen teilen muss, weil man es selbst in einem Maße fühlt, dessen du für dich allein bewusst bist, dann ist sie einfach da. Die Freiheit.

 

Materialismus. Was bedeutet das eigentlich genau? Ich dachte immer, dass ich frei von Materialismus bin. Als ich meine Tanzweltreise machte, sah ich das aber anders und erkannte, dass ich gefangen bin. Gefangen in einem Automatismus von Materialismus. Ist das ein Europa-Ding? Ich weiß es noch nicht.

 

Als ich mich diesen Sommer mit diesem Thema beschäftigte, begann die politische Situation der Flüchtlinge sehr akut zu werden. Nach der Rückkehr von meiner Reise arbeitete ich im Auftrag der Stadt Köln in verschiedenen Flüchtlingslagern. Wobei ich das Wort „Flüchtlingslager“ mittlerweile nicht mehr leiden kann. Ich nenne es lieber Notunterkunft für unsere Mitmenschen. Und da überwältigte es mich in einer Form, wie ich es nie gedacht hatte... Die Hilfsbereitschaft. Der Respekt. Beides war so groß wie meine Leidenschaft zum Tanz. All die Jahre habe ich versucht herauszufinden, welche kulturellen Prägungen meine deutschen Wurzeln in mir haben. Und ich rede hier nicht von unserer vielfaltigen Bierkultur oder den anderen Klischees. Vielmehr will ich wissen mit welchen Gefühlen meiner deutschen Wurzeln verknüpft sind.

 

Die ganzen rassistischen Erfahrungen die ich in meiner Jugend gemacht hatte, waren geheilt. Geheilt, durch dieses Fühlen der Atmosphäre. Helfen und geben war für alle plötzlich so einfach und so voller Leidenschaft. War das schon immer so und ich habe es nur nie gesehen? Weshalb fühlte ich auf einmal dieses „WIR“ so stark? War es, weil plötzlich Menschen auf demselben Boden wie ich leben und vor Krieg, Gewalt und Elend geflüchtet sind? Ist es das „Der-ist-schwächer-als-ich-und-jetzt-muss-ich helfen-Syndrom?“

 

Das Entgegnen von Respekt und Interess, war für mich die letzte Medizin für meine Wunden ,die ich in meiner Kindheit und Jugend erlitten hatte. Die Formel aus der ich entstanden bin, nämlich:

 

Erlebnisse meiner Mutter + Erlebnisse meines Vaters – der gesellschaftlichen Erlebnisse in Deutschland + eine Liebe, die ich neu gefunden habe + pure Leidenschaft zum Tanz = Ich, also Hülya Leben

 

kann ich nun mit folgenden Worten ergänzen:

 

Erlebnisse meiner Mutter + Erlebnisse meines Vaters – der gesellschaftlichen Erlebnisse in Deutschland + die Neuentdeckung der deutschen Kultur + eine Liebe, die ich neu gefunden habe + pure Leidenschaft zum Tanz = Ich, also Hülya Leben

 

Und genau das habe ich gefühlt: Die Neuentdeckung der deutschen Kultur. Was genau die Neuentdeckung der deutschen Kultur für mich war und immer noch gegenwärtig ist, werden wir gemeinsam mit dem Zuschauer sehen, fühlen und hören. So wie im ersten Teil von „Feel or die | Hisset yada öl“ soll der Zuschauer ganz aktiv an den Geschehnissen auf der Bühne teilhaben.

 

„Feel or die | Hisset yada reloaded“ wird nicht nur wie im ersten Teil die Bikulturalität und das Fühlen auf die Bühne bringen, sondern auch zeigen, welche Entwicklungen die deutsche Kultur vor allem dieses Jahr aufgrund Flüchtlingszuwachses gemacht hat und welche Facetten die deutsche Kultur damit untermauert hat.

 

Sollte ich durch euer Lesen meiner Worte die Chance bekommen, etwas Geld durch die „ERGO ganz nah Aktion“ zu bekommen, werde ich das Geld in das, was ich dieses Jahr erlebt habe. investieren und als Kulturerlebnis auf die Bühne bringen.

 

Ich danke Euch/Ihnen sehr und wünsche bunte Grüße!